Aber bitte ohne PowerPoint: RUPTUR Wirtschaftsdialog "Transparent"

4. September 2026DialogKreativwirtschaftKultur
Christina Schwemberger | Texte Transparent: Lisa Lechner
© Christina Schwemberger
© Christina Schwemberger

Durchsichtige Stühle. Glastische. Vorhänge aus dünnem Stoff statt Trennwänden. Kein Beamer, kein Rednerpult, keine Folien. Als rund 60 Gäste aus Wirtschaft, Kunst und Kultur kürzlich ins Forum Alpbach kamen, war schnell klar: Hier wird nicht präsentiert, hier wird gegessen. Gemeinsam, an einem Tisch, zweieinhalb Stunden lang.

„Transparent“ war das Motto vom ersten RUPTUR Wirtschaftsdialog, kuratiert vom DilonStudio und veranstaltet von der Lebensraum Tirol Gruppe. Die Leitfrage dahinter: Woher kommen eigentlich die Ideen, die Unternehmen und Regionen zukunftsfähig machen? Statt Vortragsmonologen gab es Begegnung auf Augenhöhe, ein Namensschild mit dem, wofür man brennt, statt dem eigenen Namen, und ein Buffet, das das Motto bis ins Detail mitdachte: Glasnudeln im Glas, Gemüsesticks in transparentem Reisteig, alles auf Glasplatten angerichtet.

Einer der Impulse an diesem Tag kam von Lisa Lechner. Sie ist Datenkünstlerin, Assistenzprofessorin an der Universität Innsbruck und Gründerin von dataskin. Gemeinsam mit dem Projektpartner Plansee stellte sie ihr Projekt UNLINEAR vor, das Kreislaufwirtschaftsdaten in eine immersive VR-Erfahrung übersetzt und sichtbar macht, was in Unternehmensdaten sonst verborgen bleibt.

Was Transparenz für sie als Künstlerin bedeutet und was passiert, wenn Kunst wirklich auf Wirtschaft trifft, erzählt sie am besten selbst.

TRANSPARENT
von Lisa Lechner

Unter solch einem transparenten Mantel kommt man zum schwitzen,
Es wird einem heiß, heiß weil man Blicke aushalten muss,
heiß aber auch weil Lebendigkeit aufsteigt, wenn man so echt gesehen wird.

Künstlerisch tätig zu sein bedeutet für mich Dinge transparent zu machen, Unsichtbares eine Form zu geben, den Kern einer Sache fühlbar zu machen.

Wenn Kunst auf Wirtschaft trifft ist es unabdingbar, dass die Künstlerin Einblicke hat. Es ist unabdingbar, dass sich das Unternehmen bereit ist zu zeigen.

Marketing beginnt mit einer Botschaft. Kunst beginnt mit einer Frage.

Wenn Kunst nur bebildern darf, was vorher schon feststeht, wird sie zum Marketinginstrument. Radikale Kunst will mehr als kommunizieren. Sie will spürbar machen. Sie will etwas in uns aufbrechen. Sie will mit dem Gewohnten brechen.

Künstler:innen verlangen mutige Partner.

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Mutige Partner:innen zu finden ist kein Kindergeburtstag, wie sich herausstellte.

Als ich mich auf die Suche nach Partner:innen für UNLINEAR machte, ein Projekt, das Kreislaufwirtschaft künstlerisch erfahrbar machen sollte, waren die Reaktionen bescheiden bis durchwachsen. Eingeladen wurde ich oft. Es gab eine Präsentation, dann noch eine, dann noch ein paar Telefonate. Das Projekt fanden sie ja ganz, ganz toll. Aber sobald aus unverbindlicher Begeisterung eine konkrete Zusammenarbeit werden sollte, wurde es wackelig. Denn meine Kunst beginnt mit Durchdringung: Ich brauche Daten, stelle Fragen und schaue auch dorthin, wo es weniger rund läuft. Erst wenn ich das System von innen verstanden habe, kann ich es spürbar machen.

Zu diesem Moment kam meist ein: „Oh nein. Das geht dann leider doch nicht bei uns.“

Bei zwei Unternehmen war das anders. Plansee und Hollu. Die ersten Worte von Dénes von Plansee, der heute auch bei uns sitzt, waren: „Endlich jemand der uns wirklich verstehen will.“

Ich durfte Fragen stellen, als Wolfram Laie sogar sehr viele und komische, fachfremde Fragen. Ich durfte ziellos probieren. Denn im kreativen Prozess ist ein Ziel oft umso schwerer zu erreichen, je direkter man darauf zuläuft. Ich durfte nicht wissen, was dabei herauskommt. Denn Kunst ist viel mächtiger als alles, was wir mit ihr vorhaben.

Transparenz braucht Mut. Sich zu zeigen und auch noch dabei nicht genau zu wissen warum, braucht noch mehr Mut.

Was daraus wurde, sagt Dénes am besten selbst: „Was dabei herauskam, hätten wir so nie planen können: Wolfram spricht plötzlich mit einer weiblichen Stimme. Aus einem Werkstoff wurde eine Erfahrung, und ein Bruch mit dem Gewohnten. Jetzt freuen wir uns darauf zu erleben, welche Resonanz daraus entsteht.“

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Die Kunst braucht Freiheit. Und die Wirtschaft? Die Wirtschaft braucht Toleranz für das Unperfekte. Denn wenn sich Unternehmen erst zeigen dürfen, wenn alles gelöst ist, bekommen wir keine Transparenz. Wir bekommen Hochglanz.

Kritik ist leicht. Pauschale Systemkritik noch leichter. Speziell als Künstlerin oder Wissenschafter liegt dies in unserer Natur. Wer sich als Unternehmen zeigt, muss darauf vertrauen können, dass die Künstlerin mit dem, was sie sieht, verantwortungsvoll umgeht: dass sie genau hinschaut, fair bleibt und Komplexität nicht für einen schnellen Effekt opfert.

Aber was passiert, wenn künstlerische Freiheit auf wirtschaftlichen Mut zum Unperfekten trifft? Ich bin fest davon überzeugt, dass radikale Kunst wirtschaftlichen Fortschritt nicht nur begleiten, sondern neu ausrichten kann. Denn Fortschritt entsteht nicht nur, wenn wir bestehende Systeme optimieren. Er entsteht auch, wenn wir wahrnehmen, was diese Systeme übersehen, ihre Grenzen spürbar machen und dadurch Möglichkeiten eröffnen, die innerhalb des Gewohnten unsichtbar geblieben wären.

Zu Beginn unseres Projekts sprachen wir über Wolfram als technischen und wirtschaftlichen Werkstoff. Im künstlerischen Prozess wurde das Material für mich zu einem Gegenüber, fast wie ein Mensch, zu dem man eine Beziehung aufbaut. Hoffe, dass sich dadurch auch viele weitere Menschen Wolfram wertschätzen und auf ihn gut aufpassen (aka ihn recyclen) werden.

Im Moment sprechen alle über AI. Und ich bin überzeugt, dass wir auch in der Wirtschaft viel mehr AI brauchen, allerdings nicht nur Artificial Intelligence, sondern auch Artistic Intelligence.

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Artificial Intelligence lernt aus dem, was bereits erfasst wurde.
Artistic Intelligence nimmt wahr, was darin fehlt.

Artificial Intelligence erkennt Muster.
Artistic Intelligence erkennt, wann ein Muster zu eng geworden ist.

Artificial Intelligence arbeitet mit dem Wahrscheinlichen.
Artistic Intelligence öffnet das Mögliche.

Artificial Intelligence kann bestehende Systeme effizienter machen.
Artistic Intelligence fragt, ob der Rahmen des Systems selbst verändert werden muss.

Es geht nicht um ein Entweder-oder. Entweder Artificial Intelligence oder Artistic Intelligence. Echter Fortschritt braucht beides: die Intelligenz, innerhalb von Systemen bessere Lösungen zu finden, und die Intelligenz, ihre Grenzen zu erkennen und zu verschieben.

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Vielleicht ist der transparente Mantel deshalb das richtige Bild: Er gewährt Einblick, ohne vollständig zu entblößen. Genau einen solchen Raum müssen Kunst und Wirtschaft gemeinsam schaffen: offen genug, damit das Wirkliche sichtbar wird. Und sicher genug, damit sich auch das Unperfekte zeigen darf.

Natürlich wird einem dabei heiß. Den Unternehmen, weil sie Blicke aushalten und ein Stück Kontrolle über ihr eigenes Bild abgeben müssen. Der Künstlerin, weil sie Verantwortung für das trägt, was durch ihren Blick sichtbar wird.

Aber vielleicht ist das genau die richtige Temperatur für Fortschritt.

Zurück am Tisch in Alpbach ging es in diesem Sinne weiter. Nach Lisa Lechner berichtete Birgit Mayr vom NOI Techpark Bozen über das Kulturprogramm „Summer at NOI“, bei dem Kultur zum Vermittler zwischen Forschung, Wirtschaft und Stadtgesellschaft wird. Ein transparenter Story-Teller wanderte danach durch die Runde, von einem Impuls zum nächsten, bis er beim Dessert für alle Gäste offenstand. Jede und jeder hatte Gelegenheit, seine Sicht einzubringen.

Genau das war der Sinn der Übung. „Transparent“ sollte nicht dazu führen, dass am Ende alle dieselbe Perspektive haben. Es ging darum, sichtbar zu machen, was im üblichen Austausch leicht verborgen bleibt, und erfahrbar zu machen, was entsteht, wenn unterschiedliche Perspektiven wirklich aufeinander reagieren. Genau das, was Lisa Lechner in ihrem Text beschreibt: Artificial Intelligence und Artistic Intelligence, die einander brauchen statt sich zu ersetzen.

Und wer weiß: Vielleicht haben hier bereits die ersten Ideen für die nächsten Projekte an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kunst und Kultur ihren Anfang genommen.

RUPTUR ist ein Teil des Programms der Lebensraum Tirol Gruppe, das Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft stärker mit Wirtschaft und Tourismus verknüpft.